Pfarrei Rieden> Geschichte
DIE PFARRKIRCHE ST. PETER (UND PAUL) IN RIEDEN Mit Tiemo von Rieden wird der Ort um das Jahr 1130 erstmals in einer Urkunde des Klosters Au a. Inn genannt. Durch die früh erfolgte Belehnung der Frauenberger von Haag mit dem nördlich des Ortes aufragenden Hohenburg ist Rieden zunächst Filialkirche von Kirchdorf b. Haag. Ende des 14. Jahrhunderts scheint Rieden Pfarrei geworden zu sein, da zwischen 1380 und 1390 ein "Pfarrer Konrad von Rieden" in Urkunden erscheint. Das Präsentationsrecht (Besetzung der Pfarrstelle mit einem neuen Geistlichen) verblieb bei den Grafen von Haag bzw. deren Rechtsnachfolgern. Noch 1711 musste der Riedener Pfarrer mit den übrigen Geistlichen der Grafschaft Haag in Kirchdorf das Seelengedenken für die verstorbenen Haager Grafen halten und 40 kr. Wachsgilt abliefern. Der im Kern spätgotische Bau wurde 1846 und 1880/81 im Stil der Neugotik umgebaut und nach Westen verlängert (der letzte Anbau erfolgte 1913). Der Raum präsentiert sich als lang gestreckter Saalbau mit eingezogenem Chor, der einen Dreiseitschluss hat. Der weithin sichtbare Turm (Höhe 48 m) steht im Süden und erhielt seinen Spitzhelm erst 1852-54 (bis dahin Satteldach). Während das Langhaus nur neugotische Rippengewölbe aufweist, die auf abgefasten Wandpfeilern aufsitzen, die 1,60 m in den Raum hineinragen und dadurch Seitenkapellen bilden, haben sich im Erdgeschoss des Turmes und in der angrenzenden Sakristei noch die spätgotischen Kreuzrippengewölbe erhalten. Im 18. Jahrhundert fanden durchgreifende Veränderungen statt. 1721 übernahm Rieden die wegen Neuanschaffungen überflüssig gewordenen Seitenaltäre samt Kanzel von Kirchreit, während es seine Ausstattung nach Zell abgab. An besonderer Innenausstattung werden in den Kirchenrechnungen ein "Christus in der Rast", Fastenbilder vom Wasserburger Maler Niklas Bernhard, ein "Englischer Gruß", eine Petrus- und Maria Magdalena-Figur und ein Sebastiansaltar genannt. 1769 erfolgten große Baureparaturen, wobei der Wessobrunner Stukkateur Joh. Michael Spörer Aufträge erhält und 1770 den "vermoderten Choraltar" in Stuckausstattung erneuert. Leider ist von dieser Einrichtung des Spätrokoko nichts mehr vorhanden. Die jetzige Innenausstattung (Altäre, Kanzel, Einzelfiguren in den Seitennischen, Kreuzweg, Taufsteindeckel) ist weitgehend neugotisch. Der Hochaltar wurde erst 1997 von Oberneukirchen, Ldkr. Mühldorf, erworben und stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts. Laut Unterschrift unter der Originalzeichnung (vgl. Abb.) wurde er im Juli 1889 von M. Riesenhuber in München entworfen. Im Auszug stehen die Hl. Margarethe, etwas unterhalb von ihr die Heiligen Benno und Korbinian, Patrone der Erzdiözese. Das Mittelbild zeigt eine thronende, von Engeln flankierte Madonna, unter welcher der Hl. Augustinus (evtl. Zusammenhang zwischen Oberneukirchen und dem Augustiner-Chorherrenstift Baumburg) und die Hl. Rita knien. Sie soll nach der Regel des Hl. Augustinus gelebt haben. Die seitlichen Assistenzfiguren sind der Hl. Sebastian links und der Hl. Florian rechts. An den Chorwänden stehen die barocken Figuren der Pfarrpatrone Petrus (re.) und Paulus (li). Reste einer Wandmalerei haben sich an der Nordwand im ersten Joch des Altarraumes erhalten. Der rechte Seitenaltar zeigt im Mittelbild den Hl. Sebastian, dem auf der linken Seite der Hl. Korbinian und auf der rechten der Hl. Fabian beigegeben ist. Der linke Seitenalter enthält ein neugotisches Marienbild, dem (li.) die Figur der Hl. Anna und (re.) der Hl. Elisabeth beigesellt sind. An älteren Ausstattungsstücken besitzt die Kirche noch 12 Apostelmedaillons, Öl auf Leinwand, aus der Zeit um 1700. Das einstige Triumphbogenkreuz aus dem 16. Jahrhundert hängt jetzt in der zweiten südlichen "Seitenkapelle". Während die neugotische Ausstattung nicht von jedermann als besonders kunstvoll angesehen wird, verdienen einige Grabsteine von Pfleg- und Kastenamtsverwaltern in Hohenburg Aufmerksamkeit. Manche Amtsträger haben in der Kirche am Fuße ihres Wirkungsortes ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Epitaphe dürften von Wasserburger Steinmetzen geschaffen worden sein und reichen vom 16. bis zum späten 18. Jahrhundert. In die Wand rechts der Eingangstüre ist der Rotmarmorgrabstein der Frau Agnes von Fraunperg, gest. 1. Sept. 1543, eingelassen, der die Verstorbene und drei ihrer Kinder in Flachreliefs sowie die Familienwappen zeigt Die Verstorbene hält eine Pater-Noster-Schnur aus Beinringelchen in den Händen. Links der Eingangstür ist der Grabstein des Pflegers Oswald Demi von Demling eingemauert: "Hie ligt Begraben der Edl / und Vesst Oswald Demi / von Demling Ftl. Bischöff/ licher Regenpurgerischer / gewesster Rath und Pfleger / zu Hochenburg, so gestorben / den 20 Juny Ao 1616 dem / Gott genad Amen " Darunter ziert das Wappen des Verstorbenen die Rotmarmorplatte. Hinter dem Gitter sind vier weitere Grabsteine in die Wände eingelassen: Beim südlichen Portal befindet sich links das Epitaph aus rotem Marmor des Kastners und Lehenspropstes Huhnhauser, seiner Gattin und Schwiegertochter vom Ende des 18. Jahrhunderts mit einem dreigliedrigen, schwülstigen Text. Die Nordwand der Kirche birgt den Grabstein des Kastners Veit Perckhamer, gest. am 3. März 1650, der 1644 die Kirche zu St. Koloman hatte erbauen lassen. Auch er war Fürstbischöflich Regensburgischer Pfleg-, Kasten- und Lehensverwalter von Hohenburg.: "Hie Ligt Begraben der Edl und / Vest HerrVeith Perckhamer / Frtl. Bischoffl. Regenspurgl. / gewester Pfleg: Gasten und Lechen / Verwalter zu Hochenburg so / Gestorben den 3. Marty 1650 / deme Gott genedig sein welle. Amen". Im Chorraum auf der linken Seite ist ein Rotmarmorstein dem vornehmen und gnädigen Herrn Johann Michael Joseph Grill gewidmet, der 16 Jahre Praefectus in Hohenburg war und am 13. März 1756 im Alter von nur 38 Jahren gestorben ist. Schließlich erinnert noch eine Grabplatte aus grauem Marmor an den Administrator (=Verwalter) von Hohenburg, Herrn Wilhelm Achatius Ollerstorfer, gestorben am 31.Januar 1723. Auch der um die Kirche angelegte Friedhof enthält zwei historische Grabsteine, die in die nördliche Außenmauer eingesetzt sind. Sie weisen auf Geistliche hin, die hier gewirkt haben und vermutlich der Weltpriestergemeinschaft der Bartholomäer angehört hatten: Johann Felix Gaigl, gestorben mit 25 Jahren am 3. Juni 1743, stammte aus der Wasserburger Bierbrauersfamilie Gaigl (Rotmarmorplatte). "Wanderer, bleib stehen, lies und trauere! Hier liegt der hochehrwürdige und hochgelehrte Herr Anton Rott, Mitglied der Weltpriestergemeinschaft, seines Alters 61, Pfarrer 34 Jahre lang, zog er sich freiwillig zurück, ein wahrhaft guter Hirt und Vater der Armen. Er starb am 8. Oktober 1766 unter lautem Klagen des Volks. Er ruhe in Frieden!", lautet der Text der anderen Platte aus Kalkstein. Der an die Kirche bzw. den Friedhof angrenzende Pfarrhof mit Wasch- und Backhaus (jetzt zum Leichenhaus umgebaut) wurde erst 1840 erbaut, während das südlich gelegene Ökonomiegebäude älter ist. 9 Tagwerk Äcker, 56 Dezimal Wiesen sowie ein Wald gehörten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Pfarrhof. Der Rückweg nach Wasserburg verläuft auf dem "Riedener Weg". 1846 wird er erstmals im "Wochenblatt für das Landgericht Wasserburg" genannt und dabei bedauert, dass er lediglich als Fußweg und nicht als Fahrstraße ausgebaut wurde, um aus der Nachbargemeinde das Getreide leichter in die Wasserburger Schranne liefern zu können. Das schwierige Gelände und die hohen Kosten ließen den Ausbau scheitern. Immerhin reichte es zu einem Fußweg, der zunächst vom Bezirksamt (Vorläufer des Landratsamtes) unterhalten wurde. Häufige Hangrutsche und Unterspülungen durch Hochwasser erforderten immer mehr Unterhaltskosten, so dass das Bezirksamt die weitere Pflege einstellte. Damit verfiel und verwilderte der Weg. Erst als 1927 die Waldkapelle errichtet wurde (siehe dort), nahm sich der Wasserburger Geistliche Benefiziat Arnold neben der Betreuung des kleinen Heiligtums auch des Weges an. Mit Hilfe von Schülern und Freiwilligen beseitigte er immer wieder die auftretenden Schäden. Etwa 1955 übergab er den Weg der Obhut der Stadt, wobei auch hier stets Idealisten mit Pickel, Schaufel und Schubkarren als Wegebauer ausrückten.
Die Laurentius-Kirche von Zell Der Weiler Zell birgt heute neben der St. Servatius-Kirche auf der Streichen bei Schleching und der Kirche von Urschalling bei Prien wohl die bedeutendsten Fresken der Früh- und Spätgotik in unserem Raum. Den Schlüssel für eine Besichtigung erhält man im Hof der Familie Kirmaier. Die Anfänge des Weilers Zell, dessen Name früher gerne von einer Mönchszelle abgeleitet wurde, verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Eine mögliche erste urkundliche Erwähnung findet sich 1113 in den Akten des Klosters Au a. Inn, wo ein "Chuon-radus de Cella" erscheint. Da es aber nur wenige Kilometer von Zell, Gde. Soyen, ein Zell, Gde. Albaching, gibt, ist es unsicher, welcher der beiden Orte gemeint ist. Alle weiter bis ins 9. Jahrhundert zurückreichenden Nennungen entbehren einer gesicherten Grundlage. Einzig das Patrozinium Laurentius könnte, gepaart mit einem Flussübergang zwischen Urfahrn, Gde. Soyen, und Rieden, Gde. Babensham (vgl. dort), und entsprechenden Funden, einen Hinweis auf ein höheres Alter liefern. Die neuesten Ortsnamensforschungen möchten "Zell" von einem .Wirtschaftshof', sei es unter weltlicher oder geistlicher Oberhoheit, ableiten. Wie dem auch sei, die kleine Ansiedlung zwischen Steilhang und Fluss muss im Hochmittelalter so bedeutend gewesen sein, dass man hier eine größere Kapelle errichtete. Mit dem Bau dieser kleinen Kirche im späten 13. oder beginnenden 14. Jahrhundert erreichen wir kunstgeschichtlich belegbare Fakten. Sofern nicht durch Grabungen bei demnächst anstehenden Sanierungen ein Vorgängerbau gefunden wird, errichtete man damals ein kleines, einschiffiges Langhaus mit einem zentral ansetzenden, eingezogenem Rechteckchor. Altarraum und Langhaus dürften Flachdecken oder einen offenen Dachstuhl besessen haben. Länge des Langhauses (ohne Vorhalle): ca. 11,7 m Breite des Langhauses: ca. 8 m Länge des Chores: ca. 3,70 m Breite des Chores: ca. 6,20 m (jeweils Außenmaße). Drei Bauphasen bestimmen die kunstgeschichtliche Bedeutung dieser Kirche: Die Spätromanik/ Frühgotik, die Spätgotik und das Barock. Die spätromanischen/frühgotischen Zeugnisse Der spätromanische/frühgotische Kirchenbau hatte (vielleicht mit Ausnahme der westlichen Vorhalle) bereits die gleiche Größe wie die heutige Kirche. Die kunsthistorisch bedeutendsten Belege aus dieser Phase sind für den Besucher leider unzugänglich und befinden sich über dem Gewölbe der Sakristei und des Chores. Unter dem Dach der später angebauten Sakristei ist das unverputzte Bruch- und Feldsteinmauerwerk bis zum Auflager des Dachstuhls ebenso erhalten wie zwei romanische Rundbogenfenster mit ihrer behauenen, abwechselnd aus hellen und dunkleren Steinen bestehenden Laibung und den Resten der eichenen Fensterstöcke. Im Chor haben sich in den Zwickeln des später eingezogenen Gewölbes erstaunlich gute Reste der ursprünglichen Ausmalung, wohl aus der Erbauungszeit, erhalten. Ein breites Ornamentband (Abb. 6) schließt rundherum die Bemalung ab. An der Ostseite sind, unterbrochen durch das Gewölbe, noch links und rechts die Köpfe von drei bzw. vier Heiligen mit ihrem Nimbus vor einem hellen Hintergrund zu erkennen (Abb. 3, 4). Im Mittelpunkt stand einst sicher der Kirchenpatron Laurentius. Während auf der Südseite keine figürlichen Darstellungen mehr erhalten sind, zeigt die Nordseite das Oberteil einer Verkündigungsszene an Maria (Abb. 5). Die Locken und die Haltung der Heiligen weisen auf die Zeit um oder kurz nach 1300 als Entstehungsdatum hin. Die Fortsetzung dieser Malerei müsste sich verständlicherweise unter den jetzt zu sehenden Fresken des Chores befinden. Hinter dem linken Seitenaltar sind wenigstens noch einige Spuren dieser Ausmalung aus der Zeit der Spätromanik/ Frühgotik erkennbar. Eine Fotodokumentation dieses Zyklus hängt an der Sakristeiwand. Der spätgotische Umbau Wie aus der Jahreszahl und dem Meisterzeichen am Chorbogen ersichtlich ist, erfolgte 1487 ein Umbau, der wesentliche Veränderungen mit sich brachte: • Die Zahl der Fenster im Langhaus wurde von (wohl) fünf auf zwei reduziert, diese sind jedoch breiter und höher. • Statt der bisherigen Flachdecke bzw. des offenen Dachstuhls wird ein asymmetrisches Netzgewölbe im Langhaus und ein Kreuzgratgewölbe im Chor eingezogen. Voraussetzung dafür ist der Einbau von Wandpfeilern bzw. runden Diensten im Chor, auf denen das Gewölbe ruht. • Eine Sakristei wird auf der Südseite angebaut. Das darüber befindliche Mauerwerk verschwindet unter dem Dach und wird daher nicht verputzt oder ausgebessert. • Ein vielleicht vorhandener, freistehender Turm wird zugunsten eines auf der Westseite aufsitzenden Dachreiters aufgegeben. • Die wesentlichste und durch das Gewölbe bedingte Veränderung besteht jedoch in einer neuen Ausmalung. Ihre Spuren wurden erst 1958/59 anlässlich der letzten Renovierung wiederentdeckt und machten eine völlige Neugestaltung des Chorraumes und der Altäre nötig (vgl. Die barocke Ausstattung). Als Baumeister dieser Umgestaltung im Stil der Spätgotik kommt wohl ein Meister der Wasserburger Bauhütte in Frage, die damals bis weit hinein nach Tirol gestalterisch gewirkt hat. Bestimmte Charakteristika wie die versetzt stehenden Wandpfeiler und die Größe und Form der Kragsteine für die Gewölberippen sind Belege für diese Annahme. Wohl auch für die Ausmalung kommt ein örtlicher Meister in Frage, zumal die nahe Stadt ein Zentrum spätgotischer Künstler war, wobei die Steinmetze und Bildhauer gleichzeitig auch als Maler tätig waren. Eingehendere Forschungen dürften in der nächsten Zeit noch viele Details dazu ans Tageslicht bringen. Die spätgotische Ausmalung des Chores Der rechteckige Chorraum hat eine marmorierte Sockelzone, die sich auch über den Chorbogen erstreckt, der zusätzlich mit roten und blauen Sternen in Kreisen versehen ist. Über dem Sockel erstreckt sich auf drei Seiten ein Bilderfries mit annähernd quadratischen Einzelszenen. Den verbleibenden Raum bis zum Gewölbe nimmt ein Zyklus von Apostelfiguren ein, der an der Stirnseite von einem Medaillon mit der Krönung Marions unterbrochen wird (Abb. 7). Der Einbau größerer Fenster im 19. Jahrhundert hat im Altarraum leider bei den beiden Bilderreihen zu Zerstörungen geführt. Links der Krönungsszene sitzt der Apostel Johannes (Kelch), rechts der Apostel Petrus (Schlüssel) auf einer angedeuteten Steinbank. Der Zyklus wird auf der südlichen Chorwand fortgesetzt mit dem Hl. Andreas (Kreuz) und dem Hl. Bartholomäus (Messer), dazwischen fehlen wohl zwei Gestalten. Die nördliche Chorwand zeigt zwei Zweiergruppen von Aposteln, von denen nur einer auf Grund seines Attributes bestimmbar ist: der Hl. Judas Thaddäus oder der Hl. Jakobus d.J. (Keule). Auch hier fehlt eine weitere Zweiergruppe zur Vervollständigung der Zwölferzahl. Die Fenster sind jedoch so geschickt platziert, dass das Fehlen einzelner Gestalten kaum auffällt. Die untere Bildreihe, bestehend aus noch sieben fast quadratischen Szenen (zwei sind auf jeder Seite durch den Fenstereinbau zerstört), nimmt im Wesentlichen Bezug auf das Leben des Hl. Diakons Laurentius. Zumindest die Stirnseite enthält drei Szenen aus dem Martyrium des römischen Diakons: Laurentius wird gegeißelt bzw. mit Haken zerfleischt, Laurentius wird auf heiße Platten gestellt und Laurentius wird auf einem glühenden Rost zu Tode gemartert. Die jeweils erste Szene der nördlichen und südlichen Chorwand stellt die Verbindung zum Hl. Stephanus dar, der ebenfalls als Diakon wirkte - allerdings in Jerusalem - und gerne mit Laurentius kombiniert wird. Zum einen blickt ein kniender Diakon mit gefalteten Händen zum Himmel (Szene aus der Apostelgeschichte bei der Steinigung des Stephanus), zum anderen wird ein Diakon in einen Sarkophag gelegt, in dem bereits ein anderer Hl. Diakon ruht. Der Legende nach soll der Leichnam des Stephanus nach Rom gebracht und im Grab des Laurentius beigesetzt worden sein, wobei Laurentius ehrerbietig zur Seite gerückt sei und dem älteren Diakon Platz gemacht habe. Wie bei der Apostelgruppe fehlen zwei Bilder, wohl eines aus dem Leben des Stephanus und eines aus dem gemeinsamen Wunderwirken von Stephanus und Laurentius. Zum Chorbogen hin schließen zwei Fresken den Zyklus ab, die aus dem Rahmen fallen und vielleicht Bezug zu den Stiftern des Umbaus oder der Ausmalung haben: Auf der Nordwand ist die Begegnung Mariens mit ihrer Base Elisabeth dargestellt, auf der Südwand der Hl. Pantaleon, einer der Vierzehn Nothelfer, dem die Hände mit einem Nagel auf dem Kopf befestigt worden waren (Abb. 8). Gerade dieser ausgefallene und einzeln selten abgebildete Heilige lässt wohl nur einen Bezug zum Stifter zu. Schließlich sei noch auf die vier Gewölbefelder des Chores verwiesen, in welche die Symbole der Evangelisten mit Schriftbändern in Rundmedaillons auf gemustertem Hintergrund gemalt sind (Abb. 9). Kleinere Spuren der alten Ausmalung wie ein Apostelleuchter, ein Akanthusmotiv und Rötelinschriften können hier übergangen werden. Die vollständige Ausmalung des Chorraumes macht wohl während der Spätgotik einen hohen Altaraufsatz in Form eines Kasten- oder Flügelaltares überflüssig, da er die bildlichen Darstellungen völlig verdeckt hätte. Die barocke Innenausstattung Die Barockzeit brachte keine wesentlichen baulichen Veränderungen, wohl aber eine Erneuerung der Innenausstattung und damit verbunden vermutlich die Übertünchung der Fresken. Der Turm erhielt in dieser Zeit eine Zwiebelkuppel, die auf Skizzen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts noch zu sehen ist und 1869 durch ein neugotisches Türmchen ersetzt wurde. In einer Pfarrbeschreibung von 1585 werden drei Altäre für Zell aufgeführt, wobei einer dem Hl. Laurentius, einer dem Hl. Thomas und einer dem Hl. Menrad - einem weithin unbekannten Heiligen geweiht war. Die Diözesanbeschreibung von 1884 erwähnt, dass dieser Menrad-Altar schon seit etwa 200 Jahren nicht mehr existiere. Dieser Verlust könnte in die Jahre 1721/22 verlegt werden, in denen durch einen Ringtausch innerhalb der Pfarrei überflüssige Altäre und eine Kanzel aus der Kirche von Rieden hierher abgegeben wurden. Um die Kanzel (s.u.) unterzubringen, musste der rechte Seitenaltar weichen. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. An der Stelle des Menrad-Altares bzw. der Kanzel befindet sich seit der Renovierung von 1958/59 der Hochaltar, um einen ungehinderten Blick auf die Fresken zu ermöglichen. Der ehemalige Hochaltar (Abb. 10) aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts steht nun als rechter Seitenaltar auf einem neu aufgemauerten Altarblock, allerdings etwas schräg gestellt, da er sonst wegen seiner Größe über den Chorbogen ragen würde. Das Predellengemälde zeigt die Armen Seelen im Fegefeuer. Hauptfigur ist ein thronender Hl. Laurentius, flankiert von Engeln, seitlich stehen Johannes d. Täufer und Papst Silvester (oder Papst Sixtus II.), im Auszug der Hl. Sebastian. 1755 mussten die Assistenzfiguren vom Wasserburger Bildhauer Simon Thaddäus Hartmann erneuert und vom Maler Niklas Bernhard, ebenfalls aus Wasserburg, gefasst werden. Der linke = nördliche Seitenaltar ist mit 1639 datiert und stellt wohl eine Wasserburger Kistlerarbeit dar (Abb. 11). Auch dieser Altar kam 1721/22 von Rieden hierher. Er enthält eine stehende Madonna mit Kind aus dem frühen 16. Jahrhundert, aber mit deutlichen Anklängen an die Spätgotik. Die Assistenzfiguren sind die Hl. Barbara und die Hl. Elisabeth. Nach einer anderen Kirchenrechnung seien jedoch die alten Seitenaltarfiguren des Hl. Josef mit Kind, des Hl. Joachim und Unserer lieben Frau von Kirchreit nach Zell abgegeben worden. Möglicherweise wurde der neue Altar in Zell aus verschiedenen Stücken von Rieden und Kirchreit zusammengebaut, wobei der Verbleib von Joachim und Josef unbekannt sind. Die Figur des Hl. Thomas dagegen im Sprenggiebel, die schon wegen ihrer Größe und ihrer anderen Machart nicht an diese Stelle passt, dürfte noch vom ursprünglichen, 1585 erwähnten, Thomasaltar stammen. An die Stelle der ehemaligen Kanzel von Zell, die im Ringtausch 1721/22 nach St. Koloman kam, dort aber nicht mehr vorhanden ist, trat jene von Rieden. Der Wasserburger Bildhauer Jeremias Hartmann hatte sie 1624 geschaffen. Ecksäulchen, Einlegearbeiten und aufgelegte Flachornamente zieren den Korpus aus Eichenholz. Eine nahezu identische, aber signierte Kanzel Hartmanns steht im Stadt. Museum Wasserburg, so dass ein guter Vergleich möglich ist, denn seit einem halben Jahrhundert fristet die Kanzel von Zell ein kümmerliches Dasein. Durch die Verlagerung des Hochaltares funktionslos geworden, steht sie stark zerstört im hinteren Kirchenschiff, während der Schalldeckel in der Sakristei lagert. Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert 1803 drohte im Zuge der Säkularisation ein Abriss der Kirche, der dadurch verhindert werden konnte, dass die beiden Bauern von Zell das Gotteshaus als private Andachtsstätte erwarben. Ein ähnliches Schicksal drohte der Kapelle 1938 wegen politischer Einflussnahme und angeblicher Baufälligkeit. Man machte den Abbruch unmöglich, indem nun das Bauwerk notariell auf die Pfarrgemeinde Rieden übertragen wurde. 1869 erfolgte der Ersatz des Zwiebeltürmchens durch einen neugotischen Spitzturm, in dem noch zwei kleine Glocken mit ca. 90 bzw. 70 Pfund hängen, wobei die größere von 1700, die kleinere erst von 1880 stammen soll. Im Zuge der Regotisierung wurde auch eine vorhandene Empore zunächst verkürzt und 1958/59 gänzlich entfernt. Vermutlich vom Wasserburger Steinmetz Simon Geigenberger wurden die Maßwerkfenster der Kirche und auch die kleineren Fenster der Sakristei und Vorhalle erneuert. Längst wäre eine Sanierung der Bausubstanz dringend erforderlich, da die Fundamente stark durchfeuchtet sind, Grünalgen auf dem abbröckelnden Mauerwerk wachsen und neben der Kanzel auch Ornamente und Fassungen der Altäre und Figuren Schäden aufweisen.
Mit
freundlicher Genehmigung
Aus „Zu
Wasser und zu Land“ – Eine kunst- und kulturgeschichtliche Wanderung
zwischen Rieden und Wasserburg von Ferdinand Steffan – herausgegeben vom
Fremdenverkehrsverein Wasserburg am Inn (2002)